Was wollen Journalisten überhaupt?

Reporter wollen doch ohnehin immer nur über Skandale, Mord und Totschlag berichten? Unsinn! Besonders die Vertreter regionaler Medien freuen sich auch über ganz andere Geschichten.

 

Uns passiert das mit schöner Regelmäßigkeit: Da rufen wir jemanden an, um mal so generell nachzuhorchen, wie es in der Gemeinde, beim Verband oder dem Unternehmen so läuft, welche Themen aktuell anstehen, und zur Antwort bekommen wir: Alles in Ordnung, ich kann Ihnen leider keine Katastrophenmeldungen bieten. 

Woher die offenbar weit verbreitete Annahme kommt, dass Journalisten immer nur auf Katastrophenmeldungen aus seien, das lassen wir jetzt mal dahin gestellt, das soll hier nicht unser Thema sein. Korrigieren würden wir dieses Bild aber dennoch gerne – und Ihnen damit ein paar Tipps an die Hand geben, wie Sie auch (und gerade) ohne Katastrophen mit ihren Themen in die Medien kommen.

Foto: Verena N./pixelio.de

Nehmen wir mal an, in der kleinen Gemeinde Hinterposemuckel wird die Kläranlage saniert und modernisiert. Das ist jetzt nun nicht ein Thema, was unsereinen sofort vom Hocker reißt und zu einer großen Reportage animiert. Wenn aber beispielsweise in der modernisierten Kläranlage zukünftig irgendein Öko-Verfahren zum Einsatz kommt, mit westafrikanischem Schilfgras oder dergleichen – dann springen wir gerne darauf an, Westafrika in Hinterposemuckel, das wäre das Thema.

Vielleicht kommt ja die neue Schneckenpumpe der Anlage von einer Firma aus Kuala Lumpur, oder aus einem Integrationsbetrieb – wieso, weshalb, warum? Für den Bürgermeister sind das nur Randthemen – für uns das Spannende an der Geschichte. Versuchen Sie sich also beim Perspektivenwechsel: Welche verschiedenen Aspekte hat die Modernisierung der Kläranlage – und was davon könnte interessant für die Medien sein? Was hat für Sie persönlich so viel Gesprächswert, dass Sie davon abends Ihrer Familie daheim berichten würden? Was ist ungewöhnlich, was fällt aus dem Rahmen? Das sind die Themen, die auch uns interessieren könnten.

Auch ohne offenkundigen aktuellen Anlass können Sie den Medien Themen aus Ihrem Bereich anbieten: Und auch hier gilt wieder: was Ihnen selber ein Gesprächsthema zuhause am Küchentisch ist, taugt allemal als Angebot für Zeitungs- und Radiokollegen.

Sie haben erfahren, dass die kräftige Bauhofmitarbeiterin der Gemeinde nebenher semiprofessionell und sehr erfolgreich Bauchtanz macht? Wunderbare Geschichte (wenn sie selber zum Interview bereit wäre!)! Schon die dritte Mehrlingsgeburt innerhalb eines Jahres bei den Kühen im Stall? Schönes Foto, schöne kleine Geschichte über Sie und Ihren Betrieb! Die Frau in der Nachbarschaft wohnt seit 70 Jahren in der selben Wohnung zur Miete? In Zeiten des ständigen Wandels eine spannende Story. Ihr Verein bemüht sich besonders um die Integration von Flüchtlingen/Menschen mit Handicap/Senioren? Auch das ist doch der Rede wert, also reden Sie drüber und laden Sie die Medien ein, darüber zu berichten!

Oft sind es die vermeintlich kleinen Geschichten, die besonders in den regionalen Medien ihren Platz finden und die von Lesern und Hörern oder auch Zuschauern mit besonderem Interesse verfolgt werden. Human-touch-Geschichten nennen wir Journalisten das manchmal, und meistens hat das weder mit Katastrophen, noch mit Mord und Totschlag zu tun, gottlob. Im Gegenteil: solche Geschichten können helfen, Sie und Ihre Gemeinde, Ihren Verband, Ihre Berufsgruppe zu präsentieren, ohne dabei gleich mit dem berühmten Zaunpfahl zu winken.

 

Langweilig bis unerfreulich.

10 Tipps, wie Ihre öffentliche Diskussionsveranstaltung garantiert ein Flop wird.

 

Es gibt da dieses Thema, das Sie unbedingt mal in der (breiten) Öffentlichkeit zur Diskussion stellen möchten? Ein spannendes Bauvorhaben, ein umstrittener Windpark, die medizinische Unterversorgung auf dem Land? Öffentliche Diskussionsveranstaltungen sind zu fast jedem Thema denkbar, und fast täglich bekommt unsereine zu einer solchen Veranstaltung eine Einladung.

Und wenn wir mal ehrlich sind: 8 von 10 dieser Diskussionsveranstaltungen und /oder Podiumsdiskussionen sind erfahrungsgemäß unbefriedigend bis langweilig, manchmal sogar schlichtweg kontraproduktiv bis unerfreulich. Wenn Sie sich daran ein (schlechtes) Beispiel nehmen wollen: bitte sehr. Hier sind unsere 10 Tipps, wie Ihre Veranstaltung garantiert ein Flop wird:

 

Wenn Sie bei dem zu diskutierenden Thema in irgendeiner Weise parteiisch oder betroffen sind, moderieren Sie den Abend am besten selber. Stellen Sie sich als Zielscheibe auf die Bühne und tun Sie einfach so, als wären Sie neutral. Das wird Ihnen keiner glauben, aber Sie können dann hautnah mitverfolgen, wie die Moderation und der gesamte Abend Ihnen schnellstmöglich entgleiten. Investieren Sie in keinem Fall ein paar Euro in einen wirklich neutralen, am besten externen Moderator, das könnte professionell wirken, und wer will das schon? Wir hatten es speziell von diesem Thema hier schon einmal: Klick!.

 

Sagen Sie den Besuchern der Veranstaltung auch nicht, was sie an diesem Abend zu erwarten haben, legen Sie sich bloß nicht auf einen Zeitplan fest!  Machen Sie nicht vorher deutlich, welche Redezeiten Sie einkalkulieren und dass es gewisse Regeln bei der Diskussion gibt, für alle Beteiligten. Der Abend soll doch eine Überraschung werden. Menschen lieben Überraschungen.

 

Menschen lieben übrigens auch Grußworte. Je mehr, desto besser. Je länger, desto lieber. Ermöglichen Sie jedem Teilnehmer auf dem Podium zunächst ein Grußwort oder kleines Grundsatzreferat zu seinem Thema, Minimum eine Viertelstunde, und vielleicht bitten Sie auch Landräte, Bürgermeister, Feuerwehrkommandanten und Pfarrer (katholisch und evangelisch, sonst gibt es Verwerfungen) im Publikum noch um eine freundliche Grußadresse. Das steigert die Spannung im Publikum, und die ersten anderthalb Stunden des Abends haben Sie dann locker gefüllt, ohne selber aktiv werden zu müssen. Und ohne lästige Diskussionen.

A propos Diskussionen: Am schönsten verlaufen Podiumsdiskussionen ja, wenn sich auf dem Podium alle einig sind. Die Damen und Herren da oben werfen sich dann freundlich ihre Bälle zu, während das Publikum im besten Falle selig einschlummert, was hinterher wieder Zeit spart, wenn die Besucher doch eigentlich auch noch zu Wort kommen sollten. Ein Trick, der immer wieder funktioniert.

 

Sollten Zuhörer und Zuschauer wider Erwarten noch frisch und munter sein, wenn Sie die Diskussion nach zweieinhalb Stunden auf dem Podium nun endlich in die Runde geben, dann machen Sie sofort klar, dass leider nur noch wenig Zeit bleibt. Vielleicht für eine oder zwei Fragen sollte es reichen, für mehr dann wirklich nicht. Die Leute kommen ja nicht zu einer Diskussionsveranstaltung, um zu diskutieren.

 

Noch ein Wort zur Technik. Hier sollten Sie wirklich nicht am falschen Ende investieren. Der klapprige Lautsprecher aus dem Vereinsheim tut es schließlich ja auch bei der Frauenfasenacht, also reicht der auch heute abend. Die Leute müssen ja vielleicht auch nicht alles verstehen, was da so gesprochen wird. Für fünf bis sieben Podiumsgäste empfehlen wir maximal ein oder zwei Mikrofone, die immer an den jeweils Sprechenden weitergereicht werden müssen, so bleibt das Podium in Bewegung, außerdem hält das laute Rumpeln des Mikrofons beim Weitergeben die Besucher wach.

 

Wahre Wunder wirken hier auch die sogenannten Rückkopplungen, das laute Kreischen und Piepsen aus den Lautsprechern, wenn Mikro und Lautsprecher im bestimmten Winkel zueinander aktiv sind. Probieren Sie das unter keinen Umständen vor der Veranstaltung aus, sondern setzen Sie einfach auf den Hallo-Wach-Effekt einer sauberen 280-Dezibel-Rückkopplung. Und kommen Sie bloß nicht auf die Idee, einen Fachmann mit der Technik zu betrauen!

 

Wenn die Besucher dann mitreden dürfen, lassen Sie ein einziges Mikrofon herumreichen, das rumpelt auch wieder schön, und früher oder später, meistens aber früher, findet sich ohnehin jemand, der das Wort und das Mikro ergreift und beides nicht mehr loslässt. Nach unseren Erfahrungen kommt es nach etwa zehn Minuten Monolog dann zu einem gewissen Handgemenge, wenn der Mikrofonbeauftragte dem Redner das Mikrofon wieder abnehmen will, dieser das aber nicht zulässt. Für die Zuschauer ist das in der Regel ein Heidenspaß. Vergessen Sie also alles, was Sie über feststehende Saalmikrofone gehört haben.

So. Dann kann ja eigentlich fast nichts mehr schiefgehen.

 

 

Aber mal im Ernst: wir freuen uns über jede gelungene Podiumsdiskussion, jeden gelungenen öffentlichen Gesprächsabend. Wenn Sie unsere Unterstützung brauchen, sprechen Sie uns einfach an. 

 

Für die Tonne.

So landet Ihre Pressemitteilung garantiert im Mülleimer, bevor sie überhaupt gelesen wurde.

 

Es gibt ein paar Tricks, mit denen Sie mit Sicherheit dafür sorgen, dass Ihre Pressemitteilung ignoriert wird. Unter Umständen wird sie nicht mal geöffnet und landet ungelesen direkt im digitalen Mülleimer. Sie fragen sich, wie das sein kann? Ganz einfach!

Fangen wir vor vorne an: Sie versenden Ihre Mails üblicherweise per Mail? Dann wählen Sie einen möglichst kryptischen Absender. Die Empfänger sollen ja schließlich nicht auf den ersten Blick erkennen, von wem die Mail kommt. Webmaster ist ein beliebter Absender, der erstmal alles im Dunkeln lässt. Gerne auch toni2573 oder ähnliches. Sie werden ja hoffentlich nicht Ihren Namen oder den Ihrer Organisation preisgeben wollen! Also, ehrlich.

Weiter geht’s mit der Betreffzeile. Sie sollte ähnlich kryptisch sein wie der Absender. Mindestens. Wir bekommen täglich so an die 100 – 200 Mails, und wir haben viel Zeit zum Rätselraten. Als Betreffzeile bietet sich demnach zum Beispiel an PM1232/3/17. Oder auch OKW bei EDTFK 2017 am Start. Alles klar? Oder sagen Sie dem Redakteur und der Redakteurin schon in der Betreffzeile, was Sie von ihm erwarten, schließlich zahlen Sie ja Rundfunkgebühr/das Zeitungsabo. Wie wäre es also mit Bitte abdrucken!!!, die Zahl der Ausrufezeichen lässt sich dabei übrigens noch steigern. Viel zu freundlich hingegen – aber ähnlich inhaltsschwer – wäre Mit der Bitte um Veröffentlichung!

Vermeiden Sie auf jeden Fall alles, was auf den Inhalt der Pressemitteilung hindeuten könnte, schreiben Sie unter keinen Umständen irgendeine Kernaussage, irgendeine zentrale Forderung aus der Pressemitteilung in die Betreffzeile, sie verleiden den Kollegen sonst den Spaß am Rätselraten. Rufen Sie zum Beispiel mit Ihrer Pressemitteilung zu einer Demonstration auf, schreiben Sie um Himmelswillen nicht: PM: Aktionsbündnis xy ruft zur Demonstration auf! Das wäre viel zu einfach, viel zu klar. Die Empfänger sollen sich ja schließlich erstmal durch die ganze Mail klicken, Klicks sind immer gut, das wissen wir ja alle. Veranstalten Sie also schon mit der ersten Mail an ihn eine Art digitales Ostereiersuchen, eine Schnitzeljagd 2.0.

A propos: Ist die Mail ersteinmal geöffnet, sollte auch hier nichts (!) auf den Inhalt der Pressemitteilung hinweisen, das generiert schließlich einen weiteren Klick. Einfach wortlos eine Datei anhängen, fertig. Die Datei selber trägt am besten den selben kryptischen Namen, wie er sich schon in der Betreffzeile findet. Und schon ist der Empfänger nocheinmal gefordert,  – nicht, dass ihm am Ende noch langweilig wird, weil er viel zu schnell auf Thema und Inhalt Ihrer Mail stößt!

Schön ist es übrigens, wenn die Datei/das Dokument in einer Version vorliegt, die kein Mensch mit einem normalen Rechner je öffnen kann. So sind Redakteure gezwungen, bei Ihnen telefonisch oder nochmal per Mail nachzufragen, ob sie den Text vielleicht auch in einer herkömmlichen Form mailen könnten, so kommt man also ins Gespräch, das kann nicht schaden.

 

Jetzt aber mal im Ernst: Sie haben etwas wirklich Wichtiges mitzuteilen? Dann machen Sie es schon in der ersten Mail den Journalisten so einfach wie möglich, auf einen Blick zu erkennen, worum es überhaupt geht. Es sind nur ein paar formale Dinge, auf die Sie achten müssen, siehe oben, damit die Empfänger nicht schon genervt sind, bevor sie überhaupt zur eigentlichen Pressemitteilung gelangen.

Wie die dann aussehen sollte, das erklären wir Ihnen demnächst.

 

 

 

Die Pressekonferenz – oder wie sag‘ ich es meinen Medien?

Wem das Herz voll ist und das Thema ultra(h)eilig, der tut das gerne kund. Eine Pressekonferenz muss her, am besten mit Funk und Fernsehen und all denen vom Print sowieso. Eigentlich eine nette Idee. Eigentlich. Aber nur, wenn die wichtigste aller wichtigen Fragen zuvor mit einem lauten Ja! beantwortet wurde.
Diese lautet: Muss das sein????

 

Die Pressekonferenz, meinen wir. Denn Medienleute sind wie alle Menschen von einer gewissen Trägheit geprägt, bei all dem Stress, den sie ohnehin schon haben. Das heißt, sie bewegen sich ungern von A nach B, wenn es nicht unbedingt sein muss. Schlimmer noch, sie werden ziemlich sauer, wenn sich die vollmundige Ankündigung mit Werbevokabeln „Welturaufführung“, „einzigartig“ oder „noch nie dagewesen“ als heiße Luft erweist. Zeit ist Geld, das gilt für uns alle, aber für diejenigen, die nach gesendetem Beitrag oder gedruckter Zeile bezahlt werden, umso mehr. Deshalb prüfe, wer eine Pressekonferenz plant, sein Ansinnen.

Und wenn es denn sein muss, haben wir zehn goldene Tipps parat.

  • Rechtzeitig zur Pressekonferenz einladen, eine Woche vorher etwa.
  • Nur Leute in die Pressekonferenz aufs Podium nehmen, die auch wirklich ein paar knackige O-Töne liefern und etwas zu sagen haben – keinesfalls mehr als fünf.
  • Moderieren lassen, am besten von jemandem, der nicht Sprecher auf dem Podium ist und kurz in den Anlass der Pressekonferenz einführen und dann auch die Fragerunde moderieren kann.
  • Namensschilder, mit Vor- und Zunamen und Funktion, wenn möglich.
  • Niemand sollte länger als zehn Minuten reden.
  • Immer so sprechen, dass auch Uneingeweihte, die von weit herkommen, verstehen, worin die Brisanz liegt.
  • Kurze Sätze bitte, keine Fremd- und Fachworte und gerne vorher schon ein paar griffige Bilder oder Zitate überlegen. Fotomotive ausdenken.
  • Schriftliche Unterlagen (vor Beginn!) aushändigen. Darin die Menschen auf dem Podium mit ein paar biografischen Daten und Funktionen sowie Hintergrundmaterial. Ganz Clevere fügen das als Datei auf einem Stick bei. Kontaktadresse für Rückfragen vermerken.
  • Zeit lassen für Fragen.
  • Die Unterlagen elektronisch auch an Medien schicken, die nicht bei der Pressekonferenz waren, vielleicht komprimiert eine kleine Pressemitteilung vorab. Aber, die Unterlagen nicht vorab verschicken. Sonst können Sie sicher sein, dass diejenigen, die da waren, nie wieder zu Ihnen kommen.

 

 

Ein Erfahrungsbericht.

Der Bürgermeister einer kleinen Kommune in Baden-Württemberg hat uns geschildert, was passiert, wenn man sich unverhofft im Zentrum eines kleinen Medien-Orkans wiederfindet.

 

„Unsere kleine Kernstadt hat rund 4000 Einwohner, und als im Herbst 2015 plötzlich mehr als 900 Flüchtlinge hier untergebracht wurden, – zusätzlich zu denen, die ohnehin schon in der Gemeinschaftsunterkunft des Kreises hier lebten -, kam es verständlicherweise immer wieder zu Mißverständnissen und unangenehmen Begleiterscheinungen, die wiederum zu Unmut in der Bevölkerung führten. Da fühlten sich junge Hardheimerinnen auf der Straße belästigt, wenn Migranten sie offensiv ansprachen, da beklagten sich Geschäftsinhaber über das Verhalten der Flüchtlinge im Supermarkt, da wurden weder öffentliche Mülleimer noch die öffentliche Toilettenanlage sachgemäß genutzt, kurzum, es gab eine Menge Klagen und Beschwerden aus der Bevölkerung.

Wir veröffentlichen daraufhin spontan auf unserer Gemeinde-Website einen Brief an die Flüchtlinge, in dem wir erklären wollten, wie das Zusammenleben in Deutschland am besten funktioniert, trotz zahlreicher kultureller Unterschiede. Mag sein, dass der etwas naiv oder sogar missverständlich geschrieben war, wir hatten es gut gemeint und wollten in unserer Not den Flüchtlingen – auch auf deren eigenen Wunsch – quasi ein paar Tipps an die Hand geben, Do’s and dont’s im Zusammenleben in einer kleinen Kommune. Was dann passierte, hätte ich mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht ausmalen können.

Mehrere Journalisten entdeckten den Text auf der Website und schrieben nahezu ausnahmslos sehr kritisch bis hämisch über die „Benimmregeln“, mit denen die Hardheimer Verwaltung die Flüchtlinge „erziehen“ wolle. Daraufhin brach quasi die gesamte deutsche Medienlandschaft über Hardheim hinein, Reporter aus ganz Deutschland wollten Interviews,  das Telefon stand nicht mehr still, der Maileingang vermeldete ununterbrochen neue Anfragen, zahlreiche Journalisten, Radioleute und Kamerateams standen unangemeldet vor der Rathaustür. Und nein, das war eben nicht nur die Regionalpresse, deren Redakteure mir durchaus bekannt sind.

Die Anfragen kamen von überall aus ganz Deutschland, und am Ende konnte man die Geschichte nachlesen im Spiegel, in der Zeit, bei der Bild-Zeitung, im Handelsblatt, in der Wirtschaftswoche, in der Welt und der Huffington Post, der FAZ und in Stern und Focus – um nur einige wenige zu nennen. Insgesamt gibt es zu dem Thema rund 130 Artikel nachzulesen, außerdem musste ich mehrere Fernsehauftritte bestehen.

Ich kannte mich seinerzeit zugegebenermaßen überhaupt nicht mit Presse- und Öffentlichkeitsarbeit aus und fühlte mich komplett überfordert. Muss ich allen Anfragen nachgeben, obwohl es viel zu viele sind? Wem kann ich was sagen, wen darf ich zurückweisen, wie verhalte ich mich vor der Kamera, und welchen Einfluss habe ich auf das Ergebnis eines Interviews – auf all diese Fragen hatte im Grunde keine Antwort und schlingerte mich mehrere Tage lang irgendwie von einem Interview zum nächsten. Es waren nahezu die schlimmsten Tage meines Berufslebens. Nie hatte ich damit gerechnet, dass ich mal in eine solche Situation kommen würde.

Inzwischen weiß ich es besser und kann nur allen Kollegen empfehlen: Machen Sie sich schlau im Umgang mit der Presse, lassen Sie sich schulen, wappnen Sie sich für den Fall der Fälle. Diese wenigen Tage im Herbst 2015 möchte ich nicht nochmal erleben und wünsche sie auch niemandem.“

Volker Rohm, Bürgermeister der Gemeinde Hardheim, Neckar-Odenwald-Kreis.

Welche Geschmacksrichtung darfs denn sein?

Sie werden um ein Interview gebeten. Aber um was denn für eines genau?

 

Da ruft bei Ihnen irgendjemand an und sagt Wir hätten da mal ein paar Fragen – würden Sie uns ein Interview geben? Bevor Sie zusagen, sollten Sie Ihrerseits nachfragen: Um welche Art Interview dreht es sich denn? Interview ist nicht gleich Interview, deshalb müssen Sie sich vorab informieren, was der Journalist konkret vorhat. Und für wen arbeitet er eigentlich, für die Print/online-Medien oder für Radio und TV?

Mit den Print- oder online-Medien haben Sie es vergleichsweise leicht: Möchte der Reporter bei Ihnen vorbeikommen und Ihnen ein paar Fragen stellen, oder soll das am Telefon geschehen? Lassen Sie sich nicht überfahren, fragen Sie zunächst, was in etwa er wissen will. Wenn Sie generell ein Interview geben möchten, bitten Sie im Zweifelsfall um eine halbe Stunde Vorbereitungszeit. Dann sollten Sie aber auch tatsächlich zur Verfügung stehen, alles andere wäre unfair.

Rundfunk: Live oder Aufzeichnung?

 

Bei Hörfunk und Fernsehen wird die Sache etwas komplizierter. Es soll schon vorgekommen sein, dass der erste Telefonanruf nicht nur ein Telefonanruf, sondern gleich ein live-Interview fürs Radio ist, Sie also quasi unbemerkt auf Sendung sind, noch ehe Sie überhaupt wissen, worum es wirklich geht. Für seriöse Journalisten ein absolutes No-Go, aber, wie gesagt, schon vorgekommen. Fragen Sie also zuallererst: soll es ein live-Interview sein, das direkt übertragen wird – oder eine Aufzeichnung? Und: Wann soll das stattfinden? Der Redakteur wird Ihnen dann genau sagen, was wann geplant ist.

Zur Beruhigung: In den allermeisten Fällen wird es sich um eine Aufzeichnung handeln, Sie werden also befragt, Ihre Antworten werden gegebenenfalls noch ein bisschen bearbeitet (weil Sie zwischendurch gehustet haben, oder die Äähs und Ähms weggeschnitten werden) und dann zu einem späteren Zeitpunkt gesendet.

Aber auch hier sollten Sie erfragen, was ganz praktisch geplant ist: Soll das Interview am Telefon geführt werden? Kommt ein Reporter mit dem Aufnahmegerät vorbei? Worum geht es genau, was für ein Beitrag ist geplant? Werden Sie der einzige Gesprächspartner sein, oder tauchen in dem Beitrag noch andere Interviewte auf? Wird der Beitrag eine Stunde lang, oder drei Minuten? Und wieviel Zeit müssen Sie für das Interview einplanen? All das sollten Sie wissen, bevor Sie zusagen.

Vielleicht interessiert sich ja sogar das Fernsehen für Sie, dann möchte die Redaktion ein mobiles Team zu Ihnen schicken. In der Regel kommt dann ein Redakteur mit Kamera- und Ton-Leuten bei Ihnen vorbei. Auch hier sollten Sie nach dem Zeitaufwand fragen, Filmaufnahmen sind aufwändig und brauchen meistens (immer) deutlich länger als Radio-Interviews, viele Szenen müssen mehrfach aus verschiedenen Perspektiven gedreht werden, um sogenannte Schnittbilder zu bekommen. Da kann der Termin schon mal ein paar Stunden dauern, inklusive kleineren Umräum-Arbeiten bei Ihnen daheim/im Büro.  Sehr erfreut wird der Redakteur sein, wenn Sie sich vorher schon überlegt haben, welche Bilder im Zusammenhang mit dem Beitrag vielleicht besonders reizvoll oder spannend wären.

Unser Tipp: Lassen Sie sich ein auf Interviews! Aber klären Sie alle (auch praktischen) Fragen im Vorfeld.

Lassen Sie moderieren!

Warum Sie bei manchen Ihrer eigenen Veranstaltungen darauf verzichten sollten, selbst im Rampenlicht zu stehen.

 

Unser Job bringt es mit sich, dass wir manchmal zu Bürgerversammlungen oder Bürgerinformationsveranstaltungen gehen (müssen). Oder zu öffentlichen Vereinssitzungen. Oder, ehrenamtlich, zu kirchlichen Gemeindeversammlungen. Das klingt auf den ersten Blick nicht besonders spektakulär, entwickelt sich aber mitunter sehr plötzlich zu einer aufregenden Sache. So aufregend, dass es nicht nur unschön, sondern auch völlig destruktiv wird.

Wenn das Thema nur kritisch und umstritten genug ist, verwandelt sich im schlimmsten Fall der Veranstaltungsraum in eine Art Tollhaus, da wird geschrieen und gepöbelt, da fällt jeder jedem ins Wort, da werden dem „Gegner“ Argumente an den Kopf geschleudert, da hört ansonsten niemand wirklich zu.

Klingt das in Ihren Ohren allzu drastisch? Wenn Sie soetwas noch nicht erlebt haben, dann können Sie stolz und glücklich sein, wir für unseren Teil haben derlei Szenen schon des Öfteren verfolgen dürfen, und dass in Bürgerversammlungen Polizei und Staatsschutz in Zivil sitzen, um das Allerschlimmste zu verhindern, darüber können wir uns auch nicht mehr wundern. Die Geschichte von der kirchlichen Gemeindeversammlung, bei der mehrere Herren mit den Fäusten aufeinander losgehen wollten, die erzählen wir Ihnen bei Gelegenheit gerne auch nochmal.

Wobei wir damit aber schon beim Thema wären: dass es seinerzeit im kirchlichen Gemeindehaus nicht zu sehr unchristlichen Schlägereien kam, war einzig und alleine dem externen Moderator zu verdanken, der schnell wieder Ruhe in den Laden brachte und die Fronten zum heiß umstrittenen Thema klärte.

Der externe Moderator, die externe Moderatorin begleitet die Veranstaltung völlig neutral, er vertritt keinerlei Interessen. Oder doch: Aber sein Interesse ist es einzig und allein, dass die Veranstaltung gut und vorallem konstruktiv über die Bühne geht, dass die Beteiligten sich austauschen und sich nicht anbrüllen, dass am Ende jeder das Gefühl hat, gehört worden zu sein.

Nehmen wir ein Beispiel: Bürgermeister X und seine Verwaltung denken über den Bau von Windkraftanlagen rund um die Gemeinde nach. Sie hören schon den Sturm, der da gleich losbricht, das laute Für und Wider? Eben. Also muss eine Bürgerversammlung her, um die betroffenen Bewohner mit einzubeziehen. Der Zorn der Windkraftgegner richtet sich zuallererstmal gegen Bürgermeister X. Der soll sich in der Versammlung der Kritik stellen. Tritt er gleichzeitig als Moderator auf, kann das nur schiefgehen, das leuchtet jedem ein.

Bei Wikipedia heißt es: Moderation zielt darauf ab, die Kreativität der Teilnehmer zu fördern, Ideen allen zugänglich zu machen, gemeinsam zu Ergebnissen und Entscheidungen zu gelangen, die von der ganzen Gruppe im Konsens getragen und umgesetzt werden. Dabei ist im gesamten Gruppenprozess eine Beteiligung der Teilnehmer zu erreichen, so dass sie engagiert sind, gezielt Aufgaben lösen können, dabei ihre eigenen Interessen verwirklichen können und so weitgehend frei arbeiten. Bedeutsam für das Gelingen sind auch die Atmosphäre, die Rollen in der Gruppe, die Offenheit und der Umgang mit abweichenden Meinungen.

Das heißt also im Umkehrschluss: Wer Aktien in einer Geschichte hat, also eigene Interessen durchsetzen möchte (was ja per se noch nicht verwerflich ist), kann schlichtweg nicht gleichzeitig als Moderator auftreten, er würde dabei nicht nur unglaubwürdig, sondern gefährdet den gesamten Prozess und dessen Erfolg. Wer also bei einem umstrittenen Thema zu einer Lösung kommen möchte, engagiert sich für einen Abend (oder häufiger) einen neutralen, externen Moderator, eine Moderatorin.

Stellen Sie sich einfach mal ein Löwenrudel vor. 17 Löwen, jeder will was anderes, alle sind im Streit miteinander, alle schimpfen, jeder zeigt mit der Pranke auf den anderen. Jetzt kommt Löwe Nummer Drei (den mindestens 8 der 16 anderen ja eh schon auf dem Kieker haben) und hat eine Idee: Wir setzen uns jetzt alle zusammen und diskutieren, und ICH leite das Ganze. Prima Sache. Oder?

Eben.

Unser Tipp: Lassen Sie moderieren! Egal, ob kleine Sitzung oder große Veranstaltung: Je umstrittener das Thema ist, je mehr Sie unter Umständen selbst in der Kritik stehen – suchen Sie sich eine neutrale dritte Person, die die Veranstaltung leitet und für den bestmöglichen konstruktiven Verlauf sorgt. Neutrale Moderatoren und Moderatorinnen können Regeln für die Diskussion aufstellen, Redezeit begrenzen, nachfragen, auf Antworten bestehen, allzu ausfallenden Diskutanten im schlimmsten Fall sogar einen Platzverweis androhen (ja, auch das haben wir schon erleben müssen). Weil es ihnen einzig und allein um den guten Verlauf der Diskussion geht, nicht um die Sache an sich.

Die Gemeinde Hardheim im Neckar-Odenwald-Kreis (Baden-Württemberg) hat das Angebot zur Moderation bereits mehrfach erfolgreich genutzt und dabei aus mehreren Gründen sogar auch gezielt Moderatorinnen gesucht. Zuletzt bei zwei Bürgerversammlungen zum Thema „Flüchtlinge“. Die Stimmung im Saal zu Beginn der Versammlungen hätte aufgeheizter nicht sein können, viele Bürger waren aufgebracht und zornig über politische Entscheidungen, die „Zielscheiben“ für ihren Unmut saßen an diesem Abend allesamt auf dem Podium. Hier können Sie das nochmal nachlesen: KLICK.

 

So lieber nicht.

Wie man sich bei einem Interview garantiert unbeliebt macht. Bei allen.

 

Sie haben sich zu einem Interview überreden lassen, obwohl Sie eigentlich nicht so recht wollten? Obwohl Sie, genauer gesagt, nicht einen Funken Lust dazu verspürten? Dann machen Sie es doch wie Jerry Lewis. Ja, der Jerry Lewis, einer der komischsten Komiker überhaupt, alter Hase in Sachen Interviews, der Showbusiness- und Medienprofi schlechthin. Der hatte offenbar auch überhaupt keine Lust und hat sich trotzdem auf ein Interview eingelassen. Manchmal muss man eben Dinge tun, auch, wenn man keine Lust hat, dachte er sich wohl.

Was dabei herausgekommen ist, können Sie hier nocheinmal nachschauen. Es dürften die grauenhaftesten sieben Interview-Minuten zumindest des vergangenen Jahres sein, vermutlich für alle Beteiligten. Für den Journalisten am allermeisten. Der macht in diesem Fall auch nicht alles richtig, aber er gibt sich redlich Mühe. Und hat das Interview schließlich trotzallem freigegeben zur Ausstrahlung, das beweist schon eine gewisse Größe. Oder eine gewisse Gehässigkeit, denn am Ende ist der Schwarze Peter bei Jerry Lewis, der bei vielen Zuschauern sicherlich als arroganter, halsstarriger Alter herüberkommt.

Nein, wir können das nicht zur Nachahmung empfehlen. Denn, wie gesagt: wirklich sympathisch wird der Jerry Lewis uns mit seiner Verweigerungshaltung nicht. Um es mal vorsichtig zu formulieren. Und man fragt sich: wieso lädt er den Journalisten ein, wenn er ihn dann doch nur auflaufen lässt?

Also: unser genereller Tipp: Wenn Sie sich freiwillig mit den Medien einlassen, lassen Sie sich ein! Ansonsten lassen Sie es lieber ganz. Oder verschieben es auf ein anderes Datum, dafür hat jeder gute Journalist Verständnis. Und Sie haben ein bisschen Zeit, sich auf das Gespräch vorzubereiten und dem Treffen mit dem Reporter oder dem Kamerateam zumindest freundlich-entspannt entgegenzusehen.